Pressebericht HNA 06.02.2020

Donnerstag , 06. Februar 2020, Mündener Allgemeine / Lokales

FILMDREH Kloster Bursfelde ist Schauplatz für Dokudrama “Wann darf man schießen?”

VON KIM HENNEKING

Hann. Münden – „Soll ich schießen?“, fragt Werner von Haeften. Es ist still im Raum. Dietrich Bonhoeffer, Wolf Dieter Zimmermann und seine Ehefrau blicken den Offizier wie erstarrt an. Er könnte Adolf Hitler ermorden. Aber das spräche gegen die christliche Überzeugung der Widerstandskämpfer, die in einem Pfarrhaus bei Potsdam im Jahr 1942 beisammensitzen. Doch sie ahnen, wenn sie nichts tun, könnte Schlimmeres passieren.

Bei den Dreharbeiten im Kloster Bursfelde: Dietrich Bonhoeffer (Matthias Koeberlin), Werner von Haeften (Philippe Goos), Wolf-Dieter Zimmermann (Jacob Benkhofer) und Ehefrau Zimmermann (Patrizia Ilies) stellen sich die Frage: Darf man schießen, um Schlimmeres zu vermeiden? Fotos: Kim Henneking

Diese Szene spielt im Film mit dem Arbeitstitel „Mit Gott gegen Hitler“. Der Raum befindet sich im Kloster Bursfelde, dort wird zurzeit ein Dokudrama über den christlichen Widerstand gegen das NS-Regime gedreht. Die Hauptrollen spielen Matthias Koeberlin, der den evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer verkörpert, und der Göttinger Theaterschauspieler Nikolaus Kühn, als katholischer Prior Laurentius Siemer.

In dem Widerstandskämpfer Bonhoeffer, der 1945 in einem KZ ermordet wurde, sieht Matthias Koeberlin einen mutigen und vorausschauenden Mann. „Ich freue mich, dass ich ihm ein Gesicht geben darf.“ In Zeiten, wo Menschen mit vergiftenden Tendenzen wieder Gehör finden, müsse man sich mit solchen Personen und Geschichten auseinandersetzen „und dem rechten Geschmeiß Kante zeigen“, sagt Koeberlin. Die Schuldfrage sei ein Dilemma für Bonhoeffer, sagt der Schauspieler: „Er versteht, es gibt Situationen, da kann ich nicht schuldfrei rauskommen.“

Weniger bekannt als Bonhoeffer ist Laurentius Siemer. Nikolaus Kühn, Schauspieler am Deutschen Theater Göttingen, spielt den Provinz-Prior, der den Krieg überlebte. „Für mich ist er ein wunderbarer stiller Held“, sagt Kühn über Siemer. Er habe sich nicht korrumpieren oder einengen lassen. „Was das ausgerichtet hat, sei dahingestellt“, sagt der Göttinger, der in Leipzig geboren und aufgewachsen ist. „Ich bin ein Wendekind, da gab es viele stille Helden.“ Für die Gesellschaft sei es wichtig, neben Bonhoeffer und Stauffenberg auch so jemanden zu hören.

In der Tat soll der Film nicht die Geschichte Dietrich Bonhoeffers erzählen, sagt Würzberg. Im Fokus stehe der christliche Widerstand und die zentrale Frage „Soll ich schießen?“. In 45 Minuten spannt die Dokumentation einen Bogen von 1929 bis Kriegsende 1945. „Es ist eine innere Reise vom preußischen Gehorsam zum Widerstand“, beschreibt Neumann den Konflikt der historischen Figuren.

Die Schauspieler mit dem Produktionsteam: Jacob Benkhofer (von links), Patrizia Ilies, Philippe Goos, Jochen Coldewey (Nordmedia), Tom Bresinsky (Kamera), Matthias Koeberlin, Ingo Helm (Regie), Anja Würzberg (NDR), Nikolaus Kühn, Thorsten Neumann (Produzent) und Harald Wegener (Komparse).

Die Dreharbeiten werden diese Woche abgeschlossen. Als Drehort habe sich das Kloster Bursfelde wunderbar geeignet, so Würzberg. „Die Räume wurden scheinbar nicht verändert“, sagt die Redakteurin. Für das Set wurden keine weiteren Möbel in das Geistliche Zentrum im Mündener Ortsteil transportiert. Außerdem werden dort täglich Gebete von Bonhoeffer gesprochen.

In den letzten Drehtagen herrscht im Kloster ein reges Treiben. Die Komparsen aus der Region – zu ihnen gehört auch Mündens Bürgermeister Harald Wegener – beobachten den Filmdreh und warten in Anzügen aus den 40er-Jahren im Eingangsbereich auf ihren Einsatz. Während der Aufnahmen im oberen Stockwerk herrscht Stille im ganzen Haus. Auf der Treppe steht eine Frau mit Mikrofon und ruft streng um Gehorsam, wenn jemand das Gebäude betritt: „Ruhe, wir drehen!“.

Dann ist ein Klatschen aus dem ersten Stock zu hören. Zwei Darsteller haben ihre letzte Szene abgedreht. Bald sind die Freiwilligen aus dem Raum Münden dran. Vielleicht erkennen die Zuschauer sie bei der Ausstrahlung im Hintergrund der Handlung.

Service: Der Film wird für den NDR produziert und dauert 45 Minuten. Er wird am 4. Mai um 23.30 Uhr im Ersten ausgestrahlt.